Der Rückblick: drei Energieträger, drei Geschichten
Wer über „die Energiepreise" redet, wirft drei sehr unterschiedliche Kurven in einen Topf. Indexiert auf das Jahr 2017 zeigt sich: Strom hat seinen Krisengipfel hinter sich — Heizöl notiert mehr als doppelt so hoch wie 2017 und ist zuletzt regelrecht explodiert.
Strom: der Gipfel liegt hinter uns — vorerst
Vom Vorkrisenniveau um 30–33 ct/kWh sprang Haushaltsstrom 2022/2023 auf über 46–47 ct/kWh und fällt seither: 40,2 ct (2024), 39,2 ct (2025), 37,2 ct im Jahr 2026 laut Strom-Report — die BDEW-Strompreisanalyse vom August 2026 nennt fast deckungsgleiche 37,0 ct/kWh. Wer heute als Neukunde wechselt, zahlt laut Verivox teils nur rund 25 ct/kWh. Wichtig für den Vergleich mit anderen Statistiken: Destatis misst den Bestandskunden-Mix und liegt deshalb systematisch höher (40,55 ct/kWh im 2. Halbjahr 2025).
Gas: doppelt so teuer wie vor zehn Jahren
Erdgas kostet Haushalte im Einfamilienhaus 2026 laut BDEW 11,93 ct/kWh. Zum Vergleich: 2016 lag der Verivox-Index bei 6,09 ct/kWh — knapp eine Verdopplung in zehn Jahren. Destatis meldet +79,1 % gegenüber dem zweiten Halbjahr 2021. Eine lückenlose Jahresreihe dazwischen ist frei zugänglich leider nicht verfügbar (das sagen wir lieber ehrlich, als Zahlen zu erfinden).
Heizöl: der Spielball der Weltlage
Heizöl schwankt wie kein anderer Energieträger: 49,90 €/100 l im Corona-Jahr 2020, 132,40 € im Schockjahr 2022, dann Entspannung — und 2026 der nächste Ausschlag: Am 4. September 2026 meldet Tecson 152,50 €/100 l, plus 61 % binnen eines Jahres, getrieben von den Nahost-Spannungen um den Iran-Konflikt. Wer mit Öl heizt, heizt mit der Geopolitik im Tank.
Der CO2-Preis: der planbare Preistreiber
Während Weltmarktpreise schwanken, steigt eine Komponente per Gesetz: der CO2-Preis auf Heizöl und Erdgas. Sein bisheriger und geplanter Pfad:
| Jahr | Preis | Status |
|---|---|---|
| 2021 | 25 €/t | Festpreis (BEHG) |
| 2022–2023 | 30 €/t | Festpreis |
| 2024 | 45 €/t | Festpreis |
| 2025 | 55 €/t | Festpreis |
| 2026 | 55–65 €/t | Versteigerung im Korridor (seit Juli wöchentlich an der EEX) |
| ab 2027/28 | Marktpreis | EU-ETS2 ersetzt das nationale System; Preisdämpfung: Zusatzzertifikate ab 45 €/t in Preisen von 2020 (inflationsindexiert, real also spürbar höher) |
| 2030 (Schätzungen) | 48–80 €/t | Szenarien der EU-Kommission laut Ariadne-Report (2022); Modellszenarien dort 50 bzw. 150 €/t, andere Analysen liegen höher |
Was heißt das konkret? Mit den Emissionsfaktoren des Umweltbundesamts lässt sich der CO2-Preis direkt in Heizkosten übersetzen (eigene Berechnung, Nettowerte):
- Erdgas: 1 €/t CO2 ≈ 0,02 ct/kWh → bei 65 €/t rund 1,3 ct/kWh, bei 100 €/t rund 2,0 ct/kWh. Für ein Einfamilienhaus mit 20.000 kWh sind 100 €/t also ≈ 400 € pro Jahr.
- Heizöl: 1 €/t ≈ 0,27 €/100 l → bei 65 €/t rund 17 €/100 l, bei 100 €/t rund 27 €/100 l zusätzlich.
Öl- und Gasheizungen tragen zwei Risiken gleichzeitig: den Weltmarkt (siehe +61 % Heizöl in einem Jahr) und den gesetzlich angelegten CO2-Preispfad. Strom trägt keins von beiden in dieser Form — im Gegenteil, er wird gerade politisch entlastet. Genau diese Asymmetrie ist der Kern jeder seriösen Zukunftsbetrachtung.
Warum Strom die politische Sonderrolle hat
Die 37,0 ct/kWh des Jahres 2026 setzen sich laut BDEW so zusammen: 15,2 ct Beschaffung und Vertrieb, 9,2 ct Netzentgelte, 12,6 ct Steuern, Abgaben und Umlagen. Bemerkenswert: Die Netzentgelte sind gegenüber dem Vorjahr um 1,7 ct gefallen — aber nicht durch den Markt, sondern durch den Bundeszuschuss zu den Übertragungsnetzentgelten. Über ein Drittel des Strompreises ist Staatsanteil; die Politik kann ihn senken oder steigen lassen.
Für Wärmepumpen-Haushalte kommt ein zweiter Hebel dazu: Spezielle Wärmepumpentarife lagen 2025 laut Verivox implizit bei rund 26,7 ct/kWh — gut 12 ct unter dem Haushaltsstrompreis. Zusätzlich winken über § 14a EnWG Netzentgelt-Rabatte für steuerbare Verbraucher (laut Branchenangaben ca. 110–190 € pauschal pro Jahr oder 60 % Rabatt aufs Netzentgelt; die Details variieren je Netzgebiet).
Was sich über die Zukunft ehrlich sagen lässt
| Aussage | Beleg | Verlässlichkeit |
|---|---|---|
| Der CO2-Preis auf Öl und Gas steigt weiter — 2026 Korridor 55–65 €/t, danach EU-Marktpreis | DEHSt, EU-Kommission | gesetzlich beschlossen |
| ETS2-Preisniveau 2030 im Band 48–80 €/t, mit Ausreißerrisiko nach oben | Ariadne-Report (KOM-Szenarien, 2022) | Szenario, kein Versprechen |
| Haushaltsstrom 2035 bei ~38,89 ct/kWh, also etwa heutigem Niveau | BMWK-Projektion, zit. n. Strom-Report | Politikprojektion |
| „Gas- und Ölpreise in fünf Jahren fast verdoppelt, Wärmepumpenstrom nur 15 % teurer" | Verivox-Rückblick (2025) | belegter Rückblick, kein Zukunftsbeweis |
| Konkrete Öl-/Gaspreisprognosen 2030+ | — | seriös nicht bezifferbar (Weltmarkt) |
Kurz: Niemand kann dir den Gaspreis 2030 nennen — den CO2-Aufschlag darauf schon. Genau deshalb rechnet unser Rechner Zukunftsszenarien nicht mit einer Glaskugel, sondern mit einem einstellbaren Preispfad: Du wählst, wie stark Energiepreise steigen, und siehst sofort, was das für die Amortisation deiner Maßnahmen bedeutet.
Häufige Fragen
Steigen die Strompreise immer weiter?
Nein — seit dem Höchststand 2023 (47,01 ct/kWh im Jahresmittel) sind sie drei Jahre in Folge gefallen, auf 37,0–37,2 ct/kWh in 2026. Eine BMWK-Projektion sieht 2035 rund 38,89 ct/kWh, also etwa heutiges Niveau. Aber: Ein Teil der Entlastung ist der Bundeszuschuss zu den Netzentgelten — politisch finanziert, kein Marktautomatismus.
Was macht der CO2-Preis mit meiner Gasrechnung?
2026 liegt er im Auktionskorridor 55–65 €/t, das entspricht etwa 1,1–1,3 ct/kWh netto. Bei 100 €/t wären es rund 2,0 ct/kWh — bei 20.000 kWh Jahresverbrauch etwa 400 € netto pro Jahr (eigene Berechnung auf UBA-Emissionsfaktoren).
Warum ist Heizöl 2026 so teuer?
Am 4. September 2026 kostete Heizöl 152,50 €/100 l — rund 61 % mehr als ein Jahr zuvor (Tecson). Haupttreiber sind die Nahost-Spannungen um den Iran-Konflikt. Das ist ein Tagespreis, er kann wieder fallen — er zeigt aber, wie direkt Ölheizungen an der Weltlage hängen.
Ist Wärmepumpenstrom wirklich günstiger?
Ja: Verivox errechnete Mitte 2025 für ein Einfamilienhaus 1.337 €/Jahr mit Wärmepumpe (JAZ 4) gegenüber 2.262 €/Jahr mit Gas — 41 % günstiger. Bei schwacher JAZ von 2,7 schrumpft der Vorteil auf 13 %. Wie deine JAZ realistisch ausfällt, erklärt unser Wärmepumpen-Artikel.
- BDEW-Strompreisanalyse (Stand 21.08.2026): 37,0 ct/kWh, Zusammensetzung 15,2 + 9,2 + 12,6
- BDEW-Gaspreisanalyse (Stand 24.08.2026): 11,93 ct/kWh EFH
- Strom-Report: Strompreis-Jahresreihe 2017–2026 und BMWK-Projektion 2035
- Destatis: Durchschnittspreise Erdgas und Strom (Bestandskunden-Mix)
- Statista/Destatis: Heizöl-Jahresreihe seit 1960
- Tecson: Heizölpreise tagesaktuell (04.09.2026: 152,5 €/100 l, +61,4 %)
- DEHSt: Nationaler Emissionshandel — Preispfad und Auktionierung 2026
- EU-Kommission: ETS2 für Gebäude und Verkehr
- Ariadne-Report: ETS2-Preisszenarien
- UBA: CO2-Emissionsfaktoren für fossile Brennstoffe (Climate Change 28/2022)
- Verivox-Analyse (21.07.2025): Wärmepumpe heizt 41 % günstiger als Gas
- Verivox: Gaspreisentwicklung (2016: 6,09 ct/kWh)
